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Im "Krone"-Doppel-interview sprechen ÖVP-Chef und Finanzminister Josef Pröll und NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll über Privates sowie das aktuelle politische Geschehen.


ÖVP-Bundesparteiobmann Finanzminister Josef Pröll., Bildrechte: ÖVP
21.06.2009

Josef und Erwin Pröll im Doppelinterview

Krone: Wie viel Zeit können Onkel Erwin und Neffe Josef in Zeiten der politischen Hochkonjunktur eigentlich noch miteinander verbringen?

Erwin Pröll: Früher war das wesentlich mehr, weil wir Gott sei Dank in einer Familie miteinander aufgewachsen sind, deren Mitglieder sich sehr gut miteinander verstehen. Mit den Jahren ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, etwas rarer geworden, in der letzten Phase überhaupt relativ wenig, da jeder seiner Aufgabe nachzugehen hat. Sie wissen ja, dass es im politischen Geschäft sehr zeitaufreibend ist. Dann hat natürlich auch jeder seine Familie, die man auch unmittelbar nach den Terminen berücksichtigen muss. Im Schnitt der letzten Jahre kann man sagen, drei- bis viermal im Jahr treffen wir uns, eher zufällig oder bei Familienfesten.

Krone: Wie wichtig ist Ihnen die Bindung zur Familie und die Zeit, die man miteinander verbringt?

Josef Pröll: Natürlich haben sich die Kontakte zwischen Erwin und mir auch stärker verschoben auf die berufliche Ebene, die uns zu politischen Terminen zusammenführt. Für mich selbst ist die Familie ein wichtiger Rückhalt, wenn man in derart verantwortungsvollen Positionen ist. Dann muss man den Kopf freihalten, das gelingt aber nur, wenn man sich auf die Familie verlassen kann. Die Kernfamilie ist in der Politik schon ein ganz wichtiger Ruhepol, ein Rückzugsraum. Aber bei uns steht nicht nur die Politik im Vordergrund, sondern wir können auch etwas anderes miteinander reden.

Erwin Pröll: Ja, ich glaube, das verbindet uns, Gott sei Dank, ich glaube, da haben wir beide ein und dieselbe Eigenschaft. Bei mir ist es so, dass wenn ich in Radlbrunn nach Hause komme, wann auch immer, und dann das Tor hinter mir zumache, dann ist die Alltagssorge entwichen. Das ist eine gute Eigenschaft, die mir wohl der Herrgott mitgegeben hat, dass man relativ schnell relaxen und wieder auftanken kann. Meine Familie ist quasi die "Tankstelle" für das Alltagsleben. Nachdem ich relativ jung in die Politik gegangen bin, ähnlich wie Josef, habe ich relativ wenig Zeit für meine Kinder gehabt. Und jetzt kommen schon die Enkelkinder heran, und ich bin noch immer in der Politik, und die Zeit für die Enkelkinder ist noch immer nicht mehr geworden, als sie es war mit meinen Kindern. Aber die Zeit, die wir mit der Familie verbringen, die verbringen wir vielleicht ein bisschen intensiver als der eine oder andere.

Krone: Sie, Herr Josef Pröll, sind im Alter von knapp über 40 Jahren der zweitmächtigste Bundespolitiker...

Erwin Pröll (lacht): Warum eigentlich der zweitmächtigste?

Krone: Noch...

Josef Pröll: Das haben jetzt aber Sie gesagt.

Krone: Also, wie auch immer. Sie denken umweltbewusst, handeln verantwortungsvoll, stehen im Kampf gegen die Finanzkrise. Holen Sie sich manchmal Tipps von Ihrem an Politjahren reicheren Onkel Erwin?

Josef Pröll: Ich kann wieder anknüpfen an das vorher Gesagte, ich bin auch sehr jung in die Politik gekommen, mit 34 Jahren in der Verantwortung als Landwirtschafts- und Umweltminister. Jetzt bin ich der an Jahren jüngste Minister in der Regierung, aber der dienstälteste.

Erwin Pröll: Das ist eine sehr interessante Parabel.

Josef Pröll: Natürlich tausche ich mich mit dem Erwin aus, und wir diskutieren regelmäßig Parteithemen. Durchaus nicht immer einvernehmlich, und das ist auch gut so. Und ja, natürlich suche ich auch Rat bei einem Menschen, der über Jahrzehnte in der Innenpolitik Österreichs eine zentrale Rolle hat und ein zentraler Faktor in der Gestaltung der Politik ist.

Erwin Pröll: Wobei ich hinzufügen muss, das ist keine Einbahnstraße, egal, wo auch immer und wie lange man in der Politik tätig ist, man ist immer gut beraten, wenn man seriöse und verlässliche Partner um sich hat, wo man sich in der einen oder anderen schwierigen Situation auch austauschen kann. Es gibt viele, die sich unglaublich freuen und auch alle Versuche unternehmen würden, uns gegeneinander auszuspielen. Denen können wir via "Kronen Zeitung" ausrichten: Sie sollen es ruhig probieren. Das wird ein Schuss ins eigene Knie. Es ist genauso, wie es der Josef gesagt hat: Wir sind zwar familiär in einem Boot, allerdings bestimmt der Ort des politischen Wirkens auch den Standpunkt. Und da sind halt manchmal unterschiedliche Positionen zu beziehen. Daran können sich einige ein Beispiel nehmen. Denn auch wenn man unterschiedliche Positionen vertritt oder zu vertreten hat, kann man, getragen von persönlichem Respekt und einer persönlichen Verbindung, eine sehr konstruktive und vernünftige Arbeit leisten, ohne dass der eine den anderen überfordert. Und genau das ist es, was wir im Hause Pröll praktizieren.

Krone: Sie, Herr Erwin Pröll, werden immer noch damit zitiert, dass das einzige Buch, das Sie je gelesen haben, der "Schatz im Silbersee" gewesen sei. Ärgert Sie das eigentlich?

Erwin Pröll: Da bin ich gestern erst wieder vom ORF gefragt worden.

Krone: Unabhängig davon, muss man als Politiker eigentlich belesen sein, um erfolgreich sein zu können?

Erwin Pröll: Schauen Sie: Ein Politiker muss Leidenschaft zeigen, er muss verantwortungsbewusst sein, und er muss Augenmaß haben. Mehr braucht er nicht. Und der eine liest halt, und der andere hat's vom Herrgott mitbekommen, und der Nächste erarbeitet es sich. Das ersetzt aber nicht ein Buch.

Krone: Herr Josef Pröll, sind Sie ein belesener Politiker, oder kommt man in diesem Job gar nicht dazu, dass man Literatur konsumiert? Was ja auch keine Schande wäre.

Josef Pröll: Ja, ich lese gerne. Wenn ich ein paar Stunden Ruhe und Muße habe, ziehe ich mich gern mit einem Buch zurück. Und das ist es.

Krone: Sie beide bekleiden zwei der wichtigsten politischen Ämter in diesem Land.

Josef Pröll (lacht): ...aber nicht wegen des "Schatzes im Silbersee".

Krone: Herr Josef Pröll, wie sehr haben Sie es Ihrem Onkel zu verdanken, dass Sie Vizekanzler sind?

Erwin Pröll (fällt ein): Gar nicht. Der Josef hat sich das alles selber erarbeitet, und zwar so, dass er für dieses Amt höchst qualifiziert ist. Und auch noch für höhere Ämter. In diesem jungen Alter ist das wirklich ein Qualitätsmerkmal. Aus, Punkt.

Krone: Sie, Herr Josef Pröll, sagen jetzt gar nichts?

Josef Pröll: Mein Onkel hat mich so eindrucksvoll bestätigt, was soll ich dazu noch sagen. Ich war übrigens der Politik gegenüber in meiner Jugend sehr distanziert. Weil ich an meinem Onkel Erwin gesehen habe, wie eine solche Berufung an einem zehrt, welche Energien man braucht. Und jetzt stehe auch ich in dieser Verantwortung, das Maximum für diese Republik zu tun. Und die Bewertung, ob das, was ich leiste, Sinn macht, müssen ohnehin andere treffen. Die Menschen in meiner Umgebung, die Partei, die Österreicher.

Krone: Ihr Onkel hat Sie also nicht in die Politik geführt?

Josef Pröll: Nicht wirklich. Aber ich habe von ihm als Kind und Jugendlicher gelernt. Und da bleiben viele Dinge hängen, die man später sinnvoll umsetzen kann. Das nimmt man einfach mit. Vielleicht auch unbewusst.

Erwin Pröll: Ich glaube auch, dass diese Erfahrung was sehr Prägendes in deiner Kindheit war. Ich habe oft mit meinem Bruder, also dem Vater von Josef, politisiert. Und der Bub ist immer dabei gewesen und hat mit großen Ohren zugehört.

Krone: Folglich haben Sie ihn schon zur Politik verführt.

Erwin Pröll: Sicher nicht direkt.

Josef Pröll: Aber indirekt war das bestimmt eine gewisse Prägung. Ich habe die schlechten Seiten der Politik beobachten können - vor allem die fehlende Zeit für die Familie und das Privatleben -, aber auch die faszinierenden Seiten der Politik. Nämlich mitten drin im Geschehen zu sein. Das hat mich schon als Zehn- oder Zwölfjährigen fasziniert. Und das war sicher eine Triebfeder für mich. Und ich habe ungefähr schon gewusst, was auf mich als Politiker zukommen würde.

Krone: Haben Sie, Herr Erwin Pröll, doch die Politik auch mit nach Hause genommen?

Erwin Pröll: Ich habe ja viele Jahre in Wien gelebt. Und wenn ich dann einmal wieder raus nach Radlbrunn gekommen bin, war die Anlaufstelle immer der Bauernhof meines Bruders, das Geburtshaus von Josef. Aber nicht mein Zuhause. Und weil auch mein Bruder ein sehr politikorientierter Mensch ist, haben sich automatisch politische Diskussionen ergeben. Und das war dann jene Plattform, von der Josef vorher gesprochen hat.

Krone: Wir haben gerade die EU-Wahl hinter uns. Die ÖVP ist daraus als stärkste Partei hervorgegangen. Wie groß ist die Freude?

Erwin Pröll: Ich habe mich sehr gefreut. Weil ich gerade in Niederösterreich, wo wir nächstes Jahr Gemeinderatswahlen haben, ich selbst von Bezirk zu Bezirk gefahren bin und mit den Funktionären geredet habe: Je besser die EU-Wahl läuft, umso
besser ist unsere Startposition für diese kommende Wahl. Das war ein wichtiger psychologischer Sieg, auf den wir jetzt mit umso größerem Eifer aufbauen müssen. Aber dass die SPÖ mit ihrem Kurs das schlechteste Wahlergebnis der Geschichte eingefahren hat, das freut mich nicht, sondern es wundert mich. Was mich vor allem wundert, ist, dass offensichtlich die SPÖ daraus nichts lernt.

Josef Pröll (lacht): Also ich hab mich auch über die EU-Wahl gefreut, wenn ich das sagen darf.

Erwin Pröll: Na geh, wirklich?

Josef Pröll: Jetzt sind wir fast schon im Kabarett. Aber im Ernst: Es ist auch schön, dass wir die Wahlbeteiligung auf fast 45 Prozent steigern konnten. Das ist im heutigen Europa nicht überall so. Aber es war ein toller Erfolg für die österreichische Volkspartei, vor allem weil wir in der Tradition eines Alois Mock und im Gegensatz zu vielen anderen Parteien eindeutig proeuropäisch sind. Wir haben jetzt alle Chancen in der Hand.

Krone: Was machen Sie jetzt mit diesem politischen Vertrauensvorschuss?

Josef Pröll: Am Tag nach der Wahl ist die Arbeit sofort wieder weitergegangen. Hart weiterarbeiten ist der Auftrag, den uns die Wähler gegeben haben. Und außerdem: Unser Team in der ÖVP wird offensive Europapolitik mit österreichischer Handschrift machen. So sind wir in den Wahlkampf gegangen, und diesen Auftrag nehmen wir ernst.

Krone: Was heißt das jetzt konkret? Vor allem in Bezug auf die zunehmende Kriminalität durch die EU-Erweiterung. Kanzler Faymann etwa hat von einer Schließung der Grenzen für Kriminelle gesprochen.

Erwin Pröll: Na ja, Herr Faymann will ja nicht die Grenzen dichtmachen, sondern nur den Assistenzeinsatz des Bundesheeres an der Grenze verlängern. Und das ist im Sinne des Landes Niederösterreich. Und wir wissen von der Innenministerin, dass das Personal der Polizei gerade in der Ostregion aufgestockt werden soll. Und es gibt auch Lichtblicke. Nehmen Sie nur diesen schrecklichen Doppelmord an einer Heurigenfamilie in unserem Land, der relativ rasch geklärt wurde. Das verdanken wir der grenzüberschreitenden Fahndung und Vernetzung der Exekutive. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Faktum ist jedenfalls: Die Sicherheit in der Ostregion genießt eine unglaublich hohe Priorität, und das ist auch der Grund, warum wir vom Land Niederösterreich mit der Bundesregierung sehr eng kooperieren. Es wird jetzt einen Sicherheitsgipfel geben, bei dem die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Behörden weiter verstärkt werden soll.

Josef Pröll: Und wir werden 1000 Polizisten mehr haben, das ist bereits budgetiert. Innere Sicherheit ist ein zentrales Thema.

Krone: Man sagt, nur die große Koalition sei im Augenblick fähig, das Land in diesen schwierigen Zeiten zu führen.

Erwin Pröll: Zunächst einmal sage ich ja. Aber jede Regierungskonstellation ist nur so gut, wie sie auch funktioniert. Im Augenblick glaube ich jedenfalls, dass die Republik mit dieser politischen Konstellation gut fährt. Zwei vernünftige Lager arbeiten vernünftig zusammen.

Krone: Herr Landeshauptmann: Es gibt viele Menschen in diesem Land, die Sie gerne als Bundespräsidenten sehen würden. Kann es dazu kommen?

Erwin Pröll: Die Frage ist in letzter Zeit oft an mich herangetragen worden, jetzt muss sich der Bundespräsident outen, denn er hat im letzten Wahlkampf gesagt, dass er nur einmal antritt, für sechs Jahre, diese enden nächstes Jahr. Offensichtlich ist er aus welchen Gründen auch immer, ins Wanken gekommen, und daher muss der Herr Bundespräsident jetzt sagen, was er überhaupt machen will.

Krone: Das heißt, sie schließen das nicht aus?

Erwin Pröll: Fragen Sie doch den Bundespräsidenten was er tut. Ich habe andere Sorgen.

Kronen-Zeitung/21.06.2009/Lara Theiss